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Zu innovativ für die EZB

Die EZB will beim Bitcoin-Hype mithalten und bringt einen digitalen Euro ins Spiel. Dabei wird sie niemals ernsthaft mit Konzernen wie Apple konkurrieren können.

Der Bitcoin-Hype nimmt kein Ende, erst am Wochenende übersprang der Kurs sogar kurzfristig die 60.000-US-Dollar-Marke. Digitale Währungen faszinieren, selbst die Europäische Zentralbank hat einen digitalen Euro ins Spiel gebracht. Hier erklären die Ökonomen Philipp Sandner und Johannes Blassl, warum die EZB davon lieber die Fingen lassen sollte. 

Seit Kurzem hat die öffentliche Diskussion um einen digitalen Euro wieder an Fahrt gewonnen. Bundesfinanzminister und SPD- Kanzlerkandidat Olaf Scholz erklärte kürzlich, dass er die Arbeit der Europäischen Zentralbank (EZB) an einem digitalen Euro “voll unterstützt”. Die EZB hatte unlängst einen Bericht zum digitalen Euro veröffentlicht, laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde soll der Euro “für das digitale Zeitalter gerüstet” sein und eingeführt werden, falls dies erforderlich wird. Die Diskussion um die Einführung von digitalem Zentralbankgeld hat auch deshalb an Tempo gewonnen, weil das weltgrößte Internetnetzwerk Facebook sich mit seiner eigenen Digitalwährung Libra – nunmehr umbenannt in Diem – auf den Markt drängt. Und in China ist es die Zentralbank, die das Thema digitale chinesische Währung kraftvoll angepackt hat und es realisiert.

Die EZB ist wichtig und Hüterin der Geldpolitik. Aber wenn es um den digitalen Euro geht, wird ihre Bedeutung überhöht. In Europa sollten es die Geschäftsbanken sein, die den digitalen Euro ermöglichen. Die EZB ist zu weit vom Markt entfernt und agiert im Vergleich zu marktnahen Unternehmen zu langsam. Würde man es sich anders wünschen? Natürlich. Aber man muss die Realität nehmen, wie sie ist.

Überall soll es digital werden

Die aktuellen Entwicklungen sind etwas unübersichtlich, weil sich Konzerne, Start-ups, Zentralbanken und Regierungen mit zunehmender Intensität an der Diskussion beteiligen. Und das in zig verschiedenen Ländern. Um das Thema digitaler Euro zu ordnen, ist es wichtig, die unterschiedlichen Ebenen zu trennen.

Wenn Zentralbanken über den digitalen Euro nachdenken, so meinen sie zumeist den Euro für Privatpersonen – analog zum heutigen papierbasierten Bargeld. Natürlich könnte eine Zentralbank das Bargeld digitalisieren und so einen digitalen Euro anbieten. Ein Grund wäre etwa die Souveränität der Infrastruktur – also die Unabhängigkeit von Lösungen anderer Länder, deren Einfluss im Falle von Sanktionen erkennbar wird. Diese Unabhängigkeit ist wichtig und sollte sowohl die Zentralbanken als auch die Politik dazu bewegen, das Thema digitaler Euro intensiver anzupacken. Denn wer heute seinen Wocheneinkauf bei Rewe mit Apple Pay oder Google Pay bezahlt, bezahlt eine kleine Gebühr an Apple oder Google und an die Kreditkartenanbieter. Tag für Tag. Bei Millionen von Transaktionen. Unabhängiger von großen US-Unternehmen zu werden ist wichtig für Europa.

Kann die EZB da mithalten?

Aber: Eine Zentralbank würde, wenn sie Bargeld digitalisieren möchte, in den Ring mit existierenden Anbietern steigen. Dies sind innovative Unternehmen, die etwa Onlinebanking, Kreditkarten oder mobiles Bezahlen anbieten. Mobiles Zahlen erlebt zunehmend einen Höhenflug: PayPal, Apple Pay, Kreditkarten. Sollte eine Zentralbank mit diesen Lösungen konkurrieren? Vielleicht sollte sie. Aber wir müssen realistisch sein: Fakt ist, dass staatliche IT-Lösungen niemals mit PayPal oder Apple ernsthaft konkurrieren könnten. Der Staat ist kein Anbieter von komfortablen IT-Lösungen. Diese Domäne gehört dem Privatsektor.

Exakt daher sind die Banken gefordert, den digitalen Euro anzubieten und programmierbar zu machen. Banken in Deutschland sind hierbei innovativer, als man denkt. Allerdings muss man zwischen Privatpersonen und Unternehmen unterscheiden. LBBW, DZ Bank und Commerzbank arbeiten bereits an Lösungen, die vermutlich schon bald in der Breite angewandt werden können, um den digitalen Euro für die Industrie und für Geschäftsprozesse anbieten zu können. Exakt hierbei wird der Euro auf Blockchain-Basis auch in wenigen Jahren eine große Rolle spielen. Das Ziel sind neuartige Geschäftsmodelle im Bereich Internet der Dinge, Industrie, Mobilität, Medizintechnik und Datenmonetarisierung.

Anders ist es beim Zahlungsverkehr mit Privatpersonen. Hier sind PayPal, Apple Pay und die Kreditkartenanbieter führend. Deutsche oder europäische Versuche, einen Wettbewerber aufzubauen, sind bisher gescheitert. Und es scheint unvorstellbar, dass die EZB derart innovativen Unternehmen Paroli bieten kann. Wenn sie dies wollte, müsste sie zügiger aktiv werden und das Projekt mit mehr Ernsthaftigkeit angehen. Ein Arbeitspapier zum digitalen Euro reicht dann nicht. Der Grund ist die ungeheure Dynamik im Bereich mobiles Zahlen nun sogar im analogen Deutschland. Die Worte “zügig”, “bequemes mobiles Bezahlen” und “EZB” passen jedoch nicht zusammen. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern gefährlich, weil so US-Unternehmen das Feld kampflos überlassen wird.

Zeit Online

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