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“Moderne Sklaverei”? Zwischen Chance und Gefahr der Gig-Economy

Essenslieferungen über Lieferdienste, Uber statt Taxis und während des Urlaubs die Wohnung bei Airbnb vermieten: Immer mehr Menschen verdienen ihr Geld über die Gig-Economy, ohne angestellt zu sein. Doch die durch Corona boomenden neuen Arbeitsformen bringen ganz eigene Probleme mit sich.

Lieferung statt vor Ort essen: Ohne die Bringdienste hätten die Restaurants während der Corona-Krise sicher noch schlimmer gelitten. Und ohne das flexible Arbeitsangebot durch die sogenannte Gig-Economy wären die nötigen Fahrer gar nicht so schnell zu finden gewesen. Doch das schon vor der Krise boomende Geschäftsfeld bringt auch jede Menge unerwünschte Nebeneffekte. Die EU will nun für klarere Regeln sorgen, bleibt dabei aber überraschend vorsichtig.

Denn die Gig-Economy – also das Buchen freier Mitarbeiter für einen einzelnen Arbeitsauftrag – ist längst aus dem Silicon Valley zu uns geschwappt. Während die meisten zuerst an Uber-Fahrer oder den Kurier beim Lieferdienst denken, bildet das längst nicht mehr das gesamte Bild ab. Auch Grafiker, Spezialisten und Handwerker verlassen sich zunehmend auf die Vermittlung über digitale Plattformen. Doch während die Krise beim Bedarf an Lieferanten für einen Boom gesorgt hat, bleiben viele der Freelancer gerade im Regen stehen.

Arbeit ja, Rechte nein

Der große Vorteil für die Firmen ist der große Nachteil der Mitarbeiter: Sie sind bei ihren Auftraggebern nicht angestellt, sondern bekommen von ihnen nur Jobs vermittelt. Gibt es wegen des Lockdowns, durch Pleiten ausgelöste Einsparmaßnahmen oder auch nur durch eine Krankheit nicht die Möglichkeit zu arbeiten, fallen die Einnahmen weg.

Dabei spielt sicher auch eine Rolle, das die Plattformen eigentlich nicht als dauerhafte Arbeitgeber ausgelegt sind. Zu Anfang sollten Uber oder Airbnb vor allem für einen kleinen Nebenverdienst sorgen. Erst im Laufe der Zeit professionalisierte sich das Geschäft so sehr, dass für viele aus dem Nebenerwerb ein Vollzeitjob wurde – allerdings ohne die Sicherheiten eines Angestellten. 24 Millionen Menschen sollen nach Angaben der EU schon mindestens einmal in dieser Form gearbeitet haben, das sind 11 Prozent der dort arbeitenden Bevölkerung. Und: Etwa drei Millionen von ihnen sollen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich über diese Plattformen verdienen.

“Moderne Sklaven”

Nun will die EU die Arbeitsbedingungen verbessern. Im Konsultations-Dokument geht die Kommission hart mit der Branche ins Gericht. Sie würden teils wie “moderne Sklaven” behandelt, zitiert sie die Vorwürfe eines italienischen Staatsanwaltes. Man müsse für gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen echten Angestellten und den Online-Diensten sorgen, inklusive der selben Rechte und des selben Schutzes für die Arbeitenden. 

Der Regulierungsbedarf entsteht auch, weil es sich nicht um ein temporäres Phänomen handelt, ist sich die Kommissarin für digitale Wirtschaft, Margrethe Vestager, sicher. “Plattformarbeit wird bleiben. Also ist es wichtig, dafür ein nachhaltiges Modell für diese neue Art der Arbeit zu finden.” Dabei sollten sowohl die Chancen dieser Wirtschaftsform wie die höhere Flexibilität als auch die Arbeitnehmerrechte miteinander vereinbar gemacht werden.

Chancen erhalten

Diese Chancen gebe es durchaus, betont das Papier. Die Plattformen würden eine schnellere Reaktion der Unternehmen und der Mitarbeiter auf eine sich verändernde Situation bieten, es gebe neue Beschäftigungs- und Zuverdienstmöglichkeiten. Gleichzeitig sehe man aber, dass ausgerechnet Menschen in prekären Situationen dadurch noch weniger Sicherheit über ihr Einkommen hätten. Auch das erhöhte Gesundheitsrisiko bei gleichzeitig drohendem Verdienstausfall bei Krankheit wird hervorgehoben.

Beim Vorgehen ist die EU aber überraschend vorsichtig: Zunächst einmal sollen sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften zu den Bedingungen und Anforderungen und daraus folgenden Schritten äußern, plant die EU. Statt von oben herab zu regulieren, will man den Beteiligten zunächst eine Chance zur Selbstregulierung geben. Erst wenn das nicht funktioniert, will man mit Gesetzen eine Änderung erzwingen.

Das verwundert. In vielen EU-Staaten ist die Gig-Economy schon längst durch den Gesetzesgeber eingeschränkt. So beschloss der höchste Gerichtshof in Frankreich letztes Jahr, dass Uber die Fahrer als Angestellte behandeln muss, in Italien drohen Uber und anderen Lieferdiensten Strafen in Höhe von 733 Millionen Euro, wenn sie die Missstände nicht binnen drei Monaten beheben.

Diesen Vorwurf erheben auch einige Gig-Arbeiter in den USA. Und gehen nun mit eigenen Mitteln dagegen vor. Weil er für eine mehrere Kilometer lange Fahrradfahrt durch die steilen Hügel Kaliforniens für Ubers Essenslieferdienst Eats nur die Luftlinie von einem Kilometer abgerechnet bekommen hatte, entwickelte Armin Samii ein Programm, das für eine korrekte Abrechnung sorgen soll. Das berichtet “Wired”. Seine Chrome-Erweiterung “UberCheats” berechnet den kürzesten Weg zum Ziel und soll Fahrern so bewusst machen, wenn zu wenig berechnet wird. Sie soll mittlerweile von einigen Hundert Fahrern benutzt werden. 

Stern

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