Außenpolitik Politik

Vier Wochen nach der Explosion – “Ein Leben nach der Zerstörung aufbauen”

Die Explosion in Beirut ist einen Monat her und der Libanon noch immer in Aufruhr. Die aktuelle Situation: humanitär nach wie vor schlimm, politisch herrscht viel Ungewissheit.

Verzweiflung, Hilfslosigkeit, Wut auf die Politik – diese Gefühle bestimmten nach der Explosion am 4. August im Hafen von Beirut die Menschen vor Ort. Kaum ein Stein war auf dem anderen geblieben. Zerstörung, wohin das Auge blickt. Mindestens 190 Menschen starben, Tausende wurden verletzt.

War vor vier Wochen noch das primäre Ziel, Überlebende in den Trümmern zu finden, geht es jetzt um die direkte Unterstützung der Bevölkerung. “Wir helfen den Menschen, sich ein Leben nach der Zerstörung aufzubauen”, erklärt Steffen Horstmeier, Geschäftsführer Internationale Programme bei Medair Deutschland. Die christliche Hilfsorganisation ist auf Einsätze bei akuten Notsituationen spezialisiert. Im Libanon selbst ist Medair seit 2012 aktiv.

Bereits seit dem Tag nach der Explosion ist Medair mit einem Team von 14 Mitarbeitern in Beirut im Einsatz. “Aktuell unterstützen wir vor allem in den Bereichen Gesundheit und Wiederaufbau.” Die Mitarbeiter verteilen unter anderem Werkzeuge, Plastikfolien und Spanplatten, damit die kaputten Häuser repariert werden können.

“Allein der Fakt, dass wir da sind und sie unterstützen, hilft den Menschen enorm,” Steffen Horstmeier, Medair-Geschäftsführer.

Auch ist die Organisation beim Wiederaufbau von mindestens zwei der wahrscheinlich zwölf zerstörten Gesundheitshäuser beteiligt. Zudem werden Hygieneartikel wie Zahnbürsten und Binden sowie Babykits an die Bevölkerung verteilt.

“Für die Menschen ist die Lage sehr schlimm”, sagt Horstmeier, der Land und Leute gut kennt. Es seien nicht nur Fenster und Türen kaputt gegangen, es gehe um viel mehr: “Erinnerungsstücke wie Fotos sind zerstört. Einrichtungen, Kleidung, einfach Dinge, die ihnen lieb und teuer waren, sind unwiederbringlich verloren.”

Eine schwierige Situation für die Menschen, weshalb Medair auch mit psychologischer Hilfe unterstützt. “Das ist ein ganz wichtiger Aspekt nach so einem Schock”, betont Horstmeier. Eine Psychologin der Hilfsorganisation ist im Einsatz, hält Gruppentherapien mit den traumatisierten Menschen ab. Die Dankbarkeit der Libanesen ist groß, die Hilfe wird sehr gut angenommen.

Auch politisch ist das Land in einem Ausnahmezustand: Die Regierung ist zwar zurückgetreten, aber Präsident Michel Aoun, der mit der Hisbollah kooperiert, ist nach wie vor im Amt. Premierminister Hassan Diab und sein Kabinett fungieren bis auf weiteres, aber als “Caretaker-Government”, erklärt Eckart Woertz, Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien.

Problematisch ist laut Woertz, dass ein potenzieller Nachfolger nicht in Sicht sei. Das führe einerseits zu viel Frust in der Bevölkerung, andererseits spiegele es auch die Alternativlosigkeit der aktuellen Situation wider. “Die Menschen erfahren bei den Aufbauarbeiten wenig Unterstützung durch die Regierung, und diese blockt darüber hinaus auch eine internationale Untersuchung der Explosion ab.” So lösen sich laut Woertz auch die vielen Fragezeichen hinter der Explosion nicht.

Hinsichtlich der politischen Zukunft gebe es zwei große Fragen zu klären: Was passiert mit den Politikern, die im Libanon an der Macht sind? Und: Wird die Hisbollah eine Machtbeschneidung erfahren?

“Die bewaffnete Miliz will auch weiterhin eine starke Rolle im Machtgefüge des Landes spielen, aber natürlich gibt es auch nationale und internationale Interessen, die ihren Einfluss zurückfahren wollen”, so Woertz. Wie sich das Ganze entwickeln wird, sei aktuell jedoch nicht absehbar.

ZDFheute

Schreibe einen Kommentar