Außenpolitik Politik

Siegesparade und historisches Gedächtnis

Die russischen Behörden werden nicht in der Lage sein, die Siegesparade im Mai dieses Jahres durchzuführen. Die Organisation einer solchen Veranstaltung während einer Pandemie würde die beteiligten Militärs und Zuschauer dem Risiko einer Ansteckung aussetzen. Darüber hinaus könnten die vom Kreml erwarteten hohen politischen Gäste wegen der Pandemie nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Selbst die Länder, in denen die Covid-19-Epidemie ihren Höhepunkt erreicht hat, sind wegen der mit dem Wirtschaftsabschwung verbundenen Probleme ratlos.

Theoretisch könnten die russischen Behörden am 9. Mai in einem reduzierten Szenario eine kurze Prozession durchführen, um die Tatsache einer symbolischen Erinnerung an den Sieg über den Nazismus 1945 festzuhalten. Aber eine Parade auf dem leeren Roten Platz und bei leeren Tribünen wäre ein Symbol der Kapitulation vor dem Coronavirus!

Im Allgemeinen feiern die meisten Länder, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben (auf der Seite gegenüberliegender Kräfte), in den letzten Jahrzehnten den 8. und 9. Mai als Tage der Versöhnung und des Gedenkens an alle Opfer des Krieges. Im Gegenzug sieht die beharrliche Feier des Sieges von Russen mit obligatorischen Militärparaden sehr unangenehm aus. In einer Situation, in der sich die Behörden sowohl der UdSSR als auch Russlands nie wirklich um die Teilnehmer dieses Krieges gekümmert haben und in der 99% dieser Soldaten bis heute bereits gestorben sind (einige von ihnen sollten jetzt über 91 Jahre alt sein), bezieht sich die pompöse Passage von militärischer Ausrüstungskolonnen der russischen Streitkräfte durch Moskau unfreiwillig nicht auf den Geist der Geschichte, vielmehr auf den Geist des Militarismus.

Jeder versteht sehr gut, dass die Hauptsache in der Feier der Parade am 9. Mai 2020 für den Kreml nicht die vergangenen Siege ist, sondern eine Fernsehsendung in allen Fernsehkanäle der Welt, wo die Spitzenbeamten Russlands (die nach 2014 nicht mehr auf die wichtigsten internationalen Plattformen eingeladen wurden) neben den Führern der G7-Mitgliedsländer gestanden hätten. Russische Politiker, die das Vertrauen der zivilisierten Welt verloren haben und als bösartige Hooligans betrachtet werden, sehen organisch nur noch in der Gesellschaft der gleichen Störenfriede aus Nordkorea und dem Iran aus. Freudiges Lächeln und feste Händedrücke zwischen Kremlbewohner und Donald Trump, Emmanuel Macron, Angela Merkel und anderen, die für den 9. Mai geplant waren, hätten dazu beitragen sollen, russische Politiker aus der internationalen Isolation herauszuholen. Aber die Coronavirusverbreitung hat diese zweifelhafte Vorstellung zumindest verzögert.

Moskau bedenkt zwei mögliche Termine für die Parade – den 24. Juni und den 2. September. Die erste ist das Datum der ersten Parade des Sieges der Roten Armee über das Dritte Reich im Jahre 1945. Damals wurde die Aktion mit den 35 Tausend Teilnehmern und die Zeremonie des Sturzes der feindlichen Banner mehr als einen Monat lang sorgfältig vorbereitet. Die an der Parade teilnehmenden Pferde wurden sogar speziell an das Brüllen der Motoren und Schall des Orchesters gewöhnt.

Im zweiten Fall ist die Rede von dem Datum des endgültigen Endes des Zweiten Weltkriegs im pazifischen Kriegsschauplatz und in der Mandschurei nach der Kapitulation des japanischen Reiches.

Wie der Kreml hofft, wird sich die Pandemie, wenn nicht Ende Juni, so doch Anfang September, abschwächen und die führenden Weltpolitiker werden an der Parade in Moskau teilnehmen können. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist immer noch gering. Die geopolitischen Spiele Russlands in der Ukraine, in Venezuela, Syrien, Libyen und einer Reihe zentralafrikanischer Staaten zeigen deutlich, dass Moskau nicht der Idee einer friedlichen Entwicklung des eigenen Landes näher steht, sondern der Suche nach Partnern, um die Welt nach dem Recht der Frechheit und Gewalt in Einflusssphären aufzuteilen.

Heute, da die Staats- und Regierungschefs der G7 und anderer Länder mit fortgeschrittener Wissenschaft und Medizin davon träumen, damit ihre Virologen-Teams so bald wie möglich einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 entwickeln werden, verhehlen die russischen Politiker nicht die Tatsache, dass sein Traum ist, die UdSSR neu zu erschaffen.

Zu allem gesagten soll man noch eine Sache hinzufügen, die sich die Westen Eliten deutlich bewusst sein müssen. Es ist sehr wichtig, nicht zu vergessen, mit wem der Konflikt begann, der in den Zweiten Weltkrieg umgeschlagen hat! Adolf Hitler gab den Befehl zum Angriff auf Polen erst, wenn er Stalin als der Verbündete empfangen hatte. Am 23. August 1939 wurde ein Nichtangriffspakt (Molotow-Ribbentrop-Pakt) zwischen Deutschland und der UdSSR geschlossen. Er wurde von Geheimprotokollen begleitet, nach denen die beiden Diktatoren der Zerstörung Polens zustimmten und ganz Europa in Einflusssphären aufteilten. Und wenn man sich an die nachfolgenden militärischen Aktionen der Wehrmacht und die Gräueltaten des Dritten Reiches gut erinnerte, so waren die Feldzüge der Roten Armee und die Verbrechen der UdSSR (bis zum 22. Juni 1941, als der sowjetisch-deutsche Krieg begann) vorher nicht in Erinnerung gekommen.

Das waren die Erschießungen von fast 22.000 polnischen Kriegsgefangenen im Frühling 1940 (an mehreren Orten gleichzeitig, hauptsächlich in der Nähe des Dorfes Chatin bei Smolensk), der Ausbruch des Krieges mit Finnland, die Massenrepressionen gegen die zivile “antisowjetische” Bevölkerung in Litauen, Lettland, Estland, Westweißrussland, der Westukraine, Bessarabien und der Nordbukowina, die Deportation von Hunderttausenden Menschen aus diesen Gebieten in entlegene Gebiete der Sowjetunion, die Zerstörung aller politischen Parteien (mit Ausnahme der Kommunistischen Partei) usw. Im Allgemeinen unterschieden sich die beiden totalitären Regime kaum voneinander.

Darüber hinaus existierte das totalitäre Regime in der UdSSR und beging verschiedene Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch nach der Niederlage des Nationalsozialismus weiter. Da die UdSSR jedoch gezwungen war, der Anti-Hitler-Koalition beizutreten, sind die westlichen Alliierten über viele Ereignissen im Leben der UdSSR bis zum 22. Juni 1941 und nach dem 9. Mai 1945 hinweggesehen. Und wenn die Nazi Verbrecher vor Gericht in Nürnberg erschienen sind, wartet das Gericht über das kommunistische Regime bis heute. Und die Teilnahme der UdSSR am Zweiten Weltkrieg auf der Seite der westlichen Alliierten (wenn auch nicht sofort, wie man bemerkte) wurde für sie eine Art Ablass viele Jahrzehnte lang.

Glücklicherweise verabschiedete das Europäische Parlament am 19. September 2019 eine Entschließung zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas, in der es darauf bestand, dass erst die Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Pakts und seiner Geheimprotokolle den Boden für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ebnete. In dem Dokument heißt es, dass die russischen Behörden im August 2019 die Verantwortung für diesen Pakt und seine Folgen geleugnet und die Meinung verbreitet haben, dass die wahren Anstifter des Krieges Polen und der Westen waren.

In der Entschließung wird ferner bekräftigt, dass die Umwandlung Russlands in einen demokratischen Staat behindert wird, solange die Regierung, die politische Elite und die Propaganda weiterhin die kommunistischen Verbrechen beschönigen und das totalitäre Sowjetregime verherrlichen. Deshalb rief das EP die russische Gesellschaft auf, sich mit ihrer tragischen Vergangenheit abzufinden. Der Meinung der EP-Abgeordneten nach sollten die Bemühungen der derzeitigen russischen Führung, die Verbrechen des Sowjetregimes zu beschönigen, als gefährliche Komponente des Informationskrieges gegen das demokratische Europa angesehen werden.

Abschließend ist zu sagen, dass der russische Präsident diese EP-Entschließung wiederholt verurteilt und sie als “barbarische Lüge” bezeichnet hat. Dieses Signal ist mehr als ein beredter Beweis dafür, dass Russland nicht, nach EP-Forderung, an der “gemeinsamen Kultur der Erinnerung” teilhaben will und mit den Zeugnissen der Geschichte instrumentell und sehr selektiv umgeht. Dies sollte uns nicht vergessen lassen, sich an den 8. bis 9. Mai 1945 erinnert, als eines der schlimmsten Übel auf dem Planeten durch die gemeinsamen Anstrengungen der fortschrittlichen Menschheit besiegt wurde. Damals stand Russland auf der rechten Seite der Geschichte, aber ist es auch heute noch da?

Schreibe einen Kommentar