Cyber Sicherheit

Bei Google geht die Angst um: Unternehmen droht Mitarbeitern mit Kündigung

Die Führungskräfte von Google haben eingeschränkt, welche Informationen Mitarbeiter künftig untereinander austauschen können und welche nicht. In der vergangenen Woche hat der Chief Legal Officer von Google, Kent Walker, eine interne E-Mail an die Mitarbeiter verschickt, die Business Insider vorliegt. Walker verschärft darin die Regeln des Unternehmens für den Austausch wichtiger Informationen (auf englisch: „need-to-know“). Er betonte auch, dass der falsche Umgang mit solchen Informationen bis zur Kündigung führen könne.

Google droht mit Kündigung

„Es verstößt gegen unsere Richtlinien, unberechtigt auf vertrauliche oder Need-To-Know-Informationen zuzugreifen, diese zu kopieren oder weiterzugeben, unabhängig davon, ob sie ausdrücklich so gekennzeichnet sind oder nicht“, schrieb Walker in der E-Mail. „Dies kann zu Disziplinarmaßnahmen führen. Wir haben Personen entlassen, die gegen unsere Datenrichtlinien verstoßen haben.“

Laut Walker erstreckt sich die Definition „Need To Know“ auf alle Informationen, die für die Arbeit einer Person oder eines Teams wichtig sind, zum Beispiel Notizen und E-Mails aus einer Brainstorming-Sitzung, Projektevaluierungen und Details zum finanziellen oder strategischen Plan einer Organisation. Dies würde darauf hindeuten, dass das Teilen von Informationen außerhalb der unmittelbaren Rolle eines Mitarbeiters oder sogar der Zugriff darauf eine sanktionierbare Handlung sein könnte, die zur Kündigung führen kann. Zuerst hatte „Buzzfeed“ am Dienstag über die interne Mail an die Google-Mitarbeiter berichtet.

Google-Mitarbeiter haben Angst vor Vergeltung

Zwei aktuelle Mitarbeiter sagten im Gespräch mit Business Insider, dass einige nun befürchteten, dass das Unternehmen willkürlich Vergeltungsmaßnahmen gegen sie einleiten könnte.

Die Sorge über Vergeltungsmaßnahmen ist beim US-Technologieriesen in letzter Zeit besonders groß, nachdem zwei Frauen — Meredith Whittaker und Claire Stapleton —, die an der Spitze der November Walkouts standen, berichtet hatten, dass Google als Reaktion auf ihre Organisierungsbemühungen versucht habe, ihre Position im Unternehmen zu schwächen. Bei den Walkouts protestierten vor allem Frauen gegen dem Umgang von Google mit Vorfällen über sexuelle Belästigung im Unternehmen. 

Obwohl Walker seine E-Mail als Erinnerung an die „langjährigen Datenschutzrichtlinien“ von Google bezeichnete, sagten beide Mitarbeiter gegenüber Business Insider, dass es Aktualisierungen der Richtlinien gegeben habe, die die Kontrolle des Technologiegiganten über die interne Verbreitung von Informationen verschärfe.

Ein Mitarbeiter wies insbesondere auf die gemeinsame Nutzung von technischen Designdokumenten hin, die von Ingenieuren häufig verwendet werden, um die Konzepte, Motivationen und Implementierungen der von ihnen erstellten Funktionen zu erläutern. In Anbetracht der in Walkers E-Mail enthaltenen Richtlinien zu „wissenswerten“ Informationen erklärte der Mitarbeiter, dass das Teilen dieser Designdokumente, die für die Navigation in Googles umfangreicher Codebasis von entscheidender Bedeutung sein können, nun als nicht mehr zulässig angesehen werden könnte.

Google-Mitarbeiter fürchten Probleme beim Arbeiten mit ihren Kollegen

Ein Google-Sprecher erklärte gegenüber Business Insider, dass die allgemeine Absicht von Richtlinien nicht dazu diene, die Konversation zwischen Mitarbeitern einzuschränken, und interne Dokumente wie Post Mortems und Designdokumente weiterhin für alle Teams freigegeben werden könnten.

Der Mitarbeiter, mit dem Business Insider gesprochen hat, sagte, die in der E-Mail beschriebenen Einschränkungen würden deutlich umfassender sein als die bisherige Weitergabe von Informationen bei Google, dessen Mantra seit langem eine Kultur der Offenheit und Transparenz sei. So wurden beispielsweise neu eingestellte Mitarbeiter im Jahr 2014 in Orientierungstrainings dazu ermutigt, den heiligen Gral des Unternehmens — den Quellcode des Suchalgorithmus — nachzuschlagen, auf den fast alle zugreifen können, die ihn finden können.

Nach der E-Mail von Walker stellen sich viele Mitarbeiter jedoch die Frage, ob ein Dokument, das sie in der Vergangenheit geteilt haben oder das mit ihnen geteilt wurde, jetzt Probleme verursachen kann.

Am Dienstag verschickte das Unternehmen eine weitere Nachricht, um seine Strategie zu klären. Die Mitarbeiter, mit denen Business Insider gesprochen hat, erklärten jedoch, dass die jüngste Mail nicht zu einer Beruhigung der Belegschaft geführt habe.

Leaks über geheime Google-Projekte beunruhigen die Mitarbeiter

Das Memo kommt zu einer Zeit, in der die zunehmenden technologischen Fähigkeiten und geschäftlichen Ambitionen von Google dazu geführt haben, dass Google in Märkten Fuß gefasst hat, die lange Zeit als tabu oder umstritten galten. Die Gegenreaktion, mit der Google konfrontiert war, als Details einiger Projekte veröffentlicht wurden, hat das Unternehmen erschüttert.

Bereits im vergangenen Jahr hat Google beschlossen, seinen Vertrag mit dem Pentagon — bekannt als Project Maven — über künstliche Intelligenz nicht zu verlängern, nachdem Tausende Mitarbeiter aus Protest eine Petition unterzeichnet hatten (und Dutzende gekündigt hatten). Ein ähnlicher Druck wurde ausgeübt, als die Mitarbeiter feststellten, dass das Unternehmen an einer zensierten Suchmaschine für China — der sogenannten „Libelle“ — arbeitete.

Obwohl die Petitionen von Mitarbeitern die Ambitionen von Google für die zensierte Suche verlangsamten, beunruhigte die Geheimhaltung des Projekts die Mitarbeiter und stellte die Transparenz der Führungskräfte nachhaltig in Frage, berichtete der Angestellte, der mit Business Insider gesprochen hat.

„Sie [die Führung] waren entschlossen zu verhindern, dass sich Leaks über Dragonfly im Unternehmen ausbreiten“, teilte eine Quelle dem Magazin „The Intercept“ im November mit. „Ihre größte Angst war, dass eine interne Opposition unsere Operationen verlangsamen würde.“

Unten findet ihr den Wortlaut der E-Mail von Googles Chief Legal Officer, Kent Walker. (Hinweis: Diese E-Mail wurde telefonisch diktiert und von Business Insider transkribiert, sodass die Formatierung möglicherweise von der ursprünglich gesendeten Nachricht abweicht.)

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